Mehr Respekt vor Kindern

Das Aktionsprogramm der Bundesregierung zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung.


„KINDER SIND VOR JEDER FORM KÖRPERLICHER ODER GEISTIGER GEWALTANWENDUNGAUCH DURCH DIE ELTERNZU SCHÜTZEN.”
 
Mit diesen Worten fordert die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen seit mehr als zwanzig Jahren das Recht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit ein.
 

KINDER SCHÜTZEN
Dennoch kommt es in vielen Familien immer wieder zur Anwendung von Gewalt: Mehr als die Hälfte aller Eltern in Deutschland bestraft ihre Kinder mit Ohrfeigen oder noch schwerwiegenderen Maßnahmen. Rund 1,3 Millionen Kinder werden regelmäßig körperlich misshandelt, wie wissenschaftliche Studien belegen. In dem neuen Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung, das der Bundestag am 6. Juli 2000 verabschiedet hat, wird unmissverständlich festgehalten: Gewalt ist kein Mittel der Erziehung. Wer seine Kinder schlägt, sie körperlich und seelisch verletzt, verstößt gegen geltendes Recht.
 
Gesetzliche Regelungen allein führen aber noch nicht zur erforderlichen Bewusstseinsänderung. Deshalb hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die Kampagne „Mehr Respekt vor Kindern” initiiert. Dadurch will das Ministerium den gesellschaftlichen Dialog über Erziehungsfragen forcieren. Ziel ist, das Leitbild der gewaltfreien Erziehung in den Köpfen der Menschen zu verankern. „Wir wollen ein klares Signal setzen, dass Gewalt in der Erziehung nichts verloren hat”, begründet Familienministerin Dr. Christine Bergmann ihr Engagement.
 
Dabei geht es nicht darum, Eltern an den Pranger zu stellen. Vielmehr sollen Väter und Mütter durch gezielte Maßnahmen dafür sensibilisiert werden, wie sie ihren Kindern mit Respekt und Fürsorge begegnen können. Die Kampagne ruht auf zwei Säulen. Zum einen geht es um Werbung und Öffentlichkeitsarbeit; zum anderen gibt es viele Einzelprojekte und Vor-Ort-Aktionen.
 

ÖFFENTLICHKEIT SCHAFFEN
Auf Plakaten und in Fernsehspots stellt die Werbung Kinder dar, die von Gewalt gezeichnet sind. Ein Logo mit dem Titel „Mehr Respekt vor Kindern” garantiert den Wiedererkennungseffekt der Kampagne. Es zeigt ein anderes, positives Bild von Kindheit: ein zufrieden lächelndes Mädchen. Unterstützt wird die Werbung durch umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit. Neben Ministerin Dr. Christine Bergmann bringen prominente Botschafterinnen und Botschafter der gewaltfreien Erziehung das Anliegen der Kampagne in die Öffentlichkeit. Im Verlauf eines Jahres werden sie in Schulen, Kindergärten, Familienzentren und Jugendheimen mit anderen Müttern und Vätern über das alltägliche Familienleben, über die Herausforderungen und Freuden elterlicher Verantwortung ins Gespräch kommen. Ihre Botschaft dabei ist unmissverständlich: Zwischen Eltern und Kindern ist für Gewalt kein Platz.
 
Die Vor-Ort-Aktionen der Kampagne tragen die Forderung „Mehr Respekt vor Kindern” in die Städte und Gemeinden. Mehr als 400 Einrichtungen hatten sich um die Ausrichtung dieser Aktionen beworben. Darunter waren Kinder- und Jugendschutzverbände, Träger der Familienbildung, aber auch Schulen und Kindergärten. 34 Projekte wurden ausgewählt. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend initiiert und fördert die Einrichtung von runden Tischen und Gesprächsforen. Diskussionsveranstaltungen und themenbezogene Einzelaktionen regen den unmittelbaren Dialog über Erziehungsfragen zwischen Eltern sowie Vertreterinnen und Vertretern aus Praxis und Wissenschaft an. Durch Materialien wie Plakate, Handzettel, Aktionsleitfäden und einen Leih- Infostand unterstützt das Ministerium die Veranstalter bei der Umsetzung der einzelnen Aktionen.
 
In der zweiten Säule leisten Verbände, Bildungs- und Beratungseinrichtungen ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Kampagne: Sie machen die kritische Auseinandersetzung mit Gewalt zu einem Schwerpunktthema ihrer Aktivitäten. Professionell mit der Erziehung befasste Multiplikatoren werden bei der Umsetzung und Vermittlung des neuen Leitbildes einer von Respekt und Fürsorge für das Kind geprägten Erziehung gezielt unterstützt. Das geschieht durch Informations-, Aus- und Fortbildungsmaterialien sowie durch spezielle Schulungsangebote. Das Angebot reicht von einem deutsch- türkischen Elternbrief über die Entwicklung von Konfliktbewältigungsstrategien bis zu einem eigens verfassten Theaterstück zur Gewaltproblematik.
 

 

 

 

 

 

 

 



GEWALT ÄCHTEN
Mit der Kampagne „Mehr Respekt vor Kindern” soll Gewalt in der Erziehung gesamtgesellschaftlich geächtet werden. Der Blick ins europäische Ausland zeigt, dass dieses Ziel durchaus erreicht werden kann. In Schweden machte eine groß angelegte Informationskampagne das Gesetz zum Verbot jeglicher Körperstrafen in der Erziehung öffentlich bekannt. Dieses führte bei vielen Eltern zur Verhaltensänderung: Die Anwendung von Gewalt gegen Kinder hat in Schweden nach der Aufklärungskampagne deutlich abgenommen.
 
Diesen Erfolg gilt es für Deutschland zu wiederholen. Schließlich ist der Verzicht auf Gewalt gegen Kinder die Voraussetzung für eine friedliche Gesellschaft. Dieses Bewusstsein zu schaffen ist das Anliegen der Kampagne „Mehr Respekt vor Kindern”.
 
Die alltägliche Gewalt gegen Kinder kommt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vor. Schläge werden zum „Klaps auf den Po” heruntergespielt, Ohrfeigen als belanglos abgetan. Die Werbung zur Kampagne „Mehr Respekt vor Kindern” soll das ändern. Sie will die Öffentlichkeit unmittelbar für das Thema der körperlichen und seelischen Gewalt gegen Kinder sensibilisieren.
 
Auf der Formebene spielen die Motive der Werbung mit der Verborgenheit und Allgegenwart von Gewalt. Die Plakate bilden Kinder ab, die gezeichnet sind von körperlichen Wunden. Erst bei genauerer Betrachtung ist zu erkennen, dass es sich nicht um reale Verletzungen handelt, sondern um Textbotschaften. So wird deutlich: Wer die Folgen von Gewalt verstehen will, muss bewusst hinsehen.
 
Die Inhalte der Textbotschaften vermitteln dem Betrachter ein weiteres zentrales Anliegen der Kampagne. – Jegliche Form von Gewalt hat nachhaltige Folgen für die kindliche Entwicklung: „Worte vergehen, der Schmerz bleibt.” Die körperliche Wunde verheilt, die Narben auf der Seele bleiben. Ein Leben lang.